AKT-Bilder im Klassenzimmer

Ein Bericht aus:
Freikörperkultur - Oktober 1970
von Karl Plehn


+ + + auszugsweise + + +


»Es ist nicht schlimm, wenn man Darstellungen von nackten Menschen sieht, weil es zur Geschlechtserzeihung gehört, und weil die Menschen so geschaffen sind.«

»Früher dachte ich immer, man dürfe keine nackten Menschen sehen, aber heute finde ich es ganz natürlich.«

»Man kann Bilder, wo nackte Menschen drauf sind, ruhig sehen. Gott hat die Menschen so geschaffen, daß nichts daran ist, was man nicht sehen darf.«

»Der Jugend schadet es überhaupt nicht. Im Gegenteil - sie lernt sogar davon.«

»Ich finde die Bilder nicht schlecht. Sie helfen bei der Aufklärung«

Diese Äußerungen stammen von 10- bis 15-jährigen Jungen und Mädchen zur Frage der sogenannten »Jugend-
gefährdung durch AKT-Bilder« und sind Teile einer umfangreichen Dokumentation, die während der letzten zwölf Monate
(Anmerkung: 1969-1970) durch Schülerumfragen in zehn verschiedenen Klassen an Bremer Grund- und Hauptschulen entstand.
Insgesamt wurden 277 Kinder, bzw. Jugendliche um ihre Stellungsnahme gebeten, und zwar 148 Mädchen und 129 Jungen.

Der schriftlich und anonym durchgeführten Umfrage voraus ging eine Konfrontation der Schüler und Schülerinnen mit einer Reihe ausgesuchter und ästhetisch einwandfreier AKT-Bilder. Es handelte sich um Aufnahmen von nackten Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, vornehmlich entstanden in der freien Natur bei Spiel und Sport, beim Baden oder Schwimmen. Auch AKT-Darstellungen aus der bildenden Kunst waren vertreten.

Selbstverständlich wurde bei der Auswahl der Bilder die allerstrengsten Maßstäbe angelegt. Abbildungen bei denen auch nur im entferntesten der Verdacht bestand, daß sie nach 6 des Gesetzes über die Verbreitung jugend-
gefährdender Schriften als "unzüchtig" oder "jugendgefährdend" eingestuft werden könnten, schieden von vornherein aus.
(Anmerkung: das Gesetz wurde inzwischen revidiert)

Die Aufnahmen, die also auch in bezug auf ihre »Unbedenklichkeit« höchsten Ansprüchen genügten, waren in allen Klassen ohne Wissen der Kinder (in der Regel vor Beginn der ersten Unterrichtsstunde) - angeheftet oder ausgelegt worden. Jungen und Mädchen betraten ahnungslos ihren Klassenraum und sahen sich - völlig unerwartet und unvorbereitet - einer Anzahl von Bildern gegenüber, denen die meisten von ihnen bisher, wenn überhaupt, sicher nur als insgeheim, verbotenerweise und mit überaus schlechtem Gewissen begegnet waren.

Die Reaktion bei manchen von ihnen war denn auch zunächst dementsprechend. Einige waren anfangs angeblich "wie geblendet" oder gar "völlig schockiert", fanden später aber die Bilder "nicht mehr schlimm". Andere waren "ein bißchen erschrocken", wieder andere nur "leicht erstaunt", andere empfanden: "so eine Schweinerei".

Es darf niemanden verwundern, daß bei einem Teil unserer Kinder immer noch Nacktheit gedankenlos mit "Schweinerei" gleichgesetzt wird, war doch die Schule bis in die Gegenwart hinein ängstlich darauf bedacht, das Bild des nackten Menschen entweder vollständig aus ihrem Gesichtskreis zu verbannen oder es zumindest mit einem angemessenen Feigenblatt zu versehen.

Erst allmählich und nur zögernd beginnt man auch in Pädagogenkreisen einzusehen, wie unsinnig es ist, Nacktheit etwa in jedem Falle und von vornherein mit "Schamlosigkeit" gleichzusetzen.
......
Karl Plehn

Anmerkung:
Welch ein »AUF und AB« in der Sexualerziehung unserer Kinder im Laufe der Zeit. Gab es in den 30er Jahren noch das Landschulheim Glüsinger Heide, in welchem Kinder und Jugendliche zusammen nackt unterrichtet wurden, so besticht wenige Jahrzehnte später die Prüderie.
Heute braucht man wohl ein solches "Experiment" nicht mehr durch zu führen.


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